Befehl zum Selbstmord

Erstmals: 16. Januar 2013 - Erneut: 17. November 2017

Bild einer befallenen Heuschrecke
Ein Saitenwurm (Spinochordodes tellinii) bahnt sich den Weg aus einer Eichenschrecke (Meconema thalassinum)
Bild von Dr. Andreas Schmidt-Rhaesa. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Eine Grille läuft schnurstracks zum Swimmingpool und stürzt in den Tod, sie ertrinkt. Nachts begehen viele Grillen Selbstmord. Doch nicht nur Grillen tun das, auch andere Landtiere wie Käfer, Spinnen, Heuschrecken oder Schaben ertrinken, weil sie ins Wasser springen. Sie alle tragen einen parasitischen Wurm in sich, einen Saitenwurm der sie in den Selbstmord treibt.

Doch erzählen wir die Geschichte von Anfang an.

Auf dem Grund eines Tümpels oder eines Bachs oder auch nur einer tiefen Pfütze schlüpft eine winzig kleine Larve aus einem Ei. Sie bleibt am Boden und wartet. Wartet und hofft, möglichst bald gefressen zu werden. Die Larve versteckt sich nicht vor Raubtieren oder schwimmt vor ihnen davon, nein sie muss gefressen werden. Am besten von einer Eintagsfliegenlarve oder von einem anderen Tier, das das Wasser irgendwann verlässt um an Land zu leben. Denn die Saitenwurmlarve muss an Land um ihr eigentliches Wirtstier zu befallen. Der Saitenwurm kann sich nämlich nur in bestimmten Tieren weiterentwickeln, das sind immer Landtiere, oft sind es Grillen. Weil die Saitenwurmlarve den Grund des Tümpels nicht aus eigener Kraft verlassen kann und es hier keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, nutzt die Larve einen Zwischenwirt als Transporttier.

Die Saitenwurmlarve lässt sich also von der Eintagsfliegenlarve fressen. Um nicht verdaut oder anderweitig beschädigt zu werden, kapselt sich der Parasit in eine stabile Schutzhülle ein. Er bildet eine Zyste. In dieser Form kann er problemlos mehrere Monate überleben und sogar die Verwandlung von der wasserlebenden Fliegenlarve in die fertige Eintagsfliege überstehen.

Die erste Etappe ist geschafft, die Saitenwurmlarve ist aus dem Wasser raus. Und schon wieder geht es darum, gefressen zu werden. Diesmal zum Beispiel von einer Grille. Grillen sind nicht wählerisch, sie fressen fast alles, besonders gerne aber andere Insekten.

Kaum im Darm der Grille, befreit sich die Wurmlarve von der Kapsel und stülpt einen Bohrapparat am Kopf aus, hält sich mit Haken an der Darmwand fest und durchbohrt die Wand mit winzigen Stiletten. Der Weg ist frei, die Larve kriecht in den Fettkörper der Grille und sitzt im gemachten Nest. Die äußerst dünne Außenhaut des jugendlichen Wurms dient nicht dem Schutz, sondern der Nahrungsaufnahme. Der Saitenwurm saugt die Fettreserven seines Wirtes wie ein Schwamm auf, die dünne durchlässige Haut ist dabei kein Hindernis. Der Wurm wächst und höhlt die Grille immer weiter aus. Dabei geht er systematisch vor: zuerst verschwinden die Fettreserven, dann die Fortpflanzungsorgane, nach und nach fast alles, was nicht direkt lebensnotwendig ist.

Wenn die Grille nichts mehr zu bieten hat, ist es Zeit für die letzte Verwandlung. Der Saitenwurm wird erwachsen und streift seine durchlässige Jugendhaut ab. Zum Vorschein kommt eine dicke stabile Hülle, diese Haut muss ihn bald schützen, wenn er den harten Panzer der Grille verlässt. Nahrung nimmt er sowieso keine mehr auf. Sein einziges Ziel ist die Fortpflanzung, dazu muss er ins Wasser.

Nachdem sie Wohnung, Vorratskammer und Nahrungsquelle war, hat die Grille nun fast ausgedient. Sie soll den Wurm nur noch ins Wasser bringen. Nun leben Grillen nicht am Wasser, sie meiden es sogar. Völlig zurecht, sie sind nämlich Nichtschwimmer. Für eine Grille kommt es also normalerweise überhaupt nicht in Frage, ihren Lebensraum zu verlassen und sich ins nächstbeste Gewässer zu stürzen. Dennoch tun es manche von ihnen. Nämlich diejenigen, die einen erwachsenen Saitenwurm in sich tragen, der in ihren Hirnstoffwechsel eingegriffen hat und so ihr Verhalten manipuliert.

Zuerst sorgt er dafür, dass die Grille ihre normale Umgebung verlässt. Sie irrt ziellos durch die Gegend und trifft so früher oder später auf Wasser. Sei es ein Bach, ein See oder ein Swimmingpool. Phase 2 der Manipulation bewirkt, dass die Grille Wasser nicht mehr meidet. Im Gegenteil: entdeckt sie Wasser, hüpft sie nicht weg, sondern direkt darauf zu und mitten hinein ins tödliche Nass.

Es beginnt ein groteskes Schauspiel. Nach und nach windet sich ein Wurm aus der Grille ins Wasser. Der erwachsene Wurm ist wenige Millimeter dick aber viele Zentimeter lang, viele Male länger als sein Wirtstier. Manche Arten werden bis zu 2 Meter lang. Seine Form und die drahtige Haut lassen ihn wie eine Geigensaite wirken, daher sein deutscher Name Saitenwurm.

Eine infizierte Grille stürzt sich in den Pool

Der frisch geschlüpfte Wurm lässt die leblose Grille zurück und sucht nach Artgenossen. Im lateinischen heißen die Saitenwürmer Gordius - nach dem gordischen Knoten. Finden sich zwei Würmer zur Paarung zusammen, bilden sie ein richtiges Knäuel, das sich aber schnell von selbst wieder löst. Während das Männchen kurz nach der Kopulation stirbt, lebt das Weibchen noch weiter, bis es die Eier abgelegt hat.

Von neuem schlüpfen nun Larven und machen sich auf zu einer Reise, an deren Ziel nur die wenigsten ankommen. Zu viel kann schief gehen im raffinierten Lebenszyklus eines Saitenwurms.

So schaffen es tausende Larven nicht, sich schnell genug einzukapseln, sie werden einfach verdaut, nachdem sie gefressen wurden. Oder sie werden nicht vom richtigen Tier gefressen. Im Darm eines Fisches können sie zwar überleben aber auch lange darauf warten, von einer Grille gefressen zu werden. Oder sie bleiben verschont und werden einfach nicht gefressen. Worauf die meisten Lebewesen hoffen, ist für eine Saitenwurmlarve fatal. Sie stirbt, ohne ihre Kindheit hinter sich gelassen zu haben.

Selbst wenn die Larve es an Land und in eine Grille schafft, hat sie noch lange nicht gewonnen. Auch Grillen werden gefressen oder sterben zu früh. Die Manipulation kann versagen, oder die Grille trifft nicht zur rechten Zeit auf Wasser. Immer wieder hüpfen befallene Tiere in Wassernäpfe, kleine Pfützen, Pools oder in irgendwohin, wo sie zwar ertrinken, der Wurm sich befreien kann, er aber keine Artgenossen findet um einen gordischen Knoten zu bilden. Windet sich ein langer Wurm in der Toilette, muss man nicht unbedingt das schlimmste befürchten, vor allem nicht wenn man zuvor eine verirrte Schabe in der Schüssel entsorgt hat.

Ans Ziel der komplizierten Reise schafft es nur ein winziger Bruchteil der Larven. Doch bei mehreren 10.000 Eiern, die ein einziges Weibchen legen kann, überleben vielleicht trotzdem ein paar ihrer Nachkommen lange genug, um eine Grille in den Selbstmord zu treiben.

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